SeSam.hu

SeSam is Péter Szilágyi, Engineering Manager at Ustream, residing in Budapest, Hungary. This is his playground.

nüchtern, zu schüchtern, besoffen, zu offen

I was shown this, and boy was I amazed. I like to say that a comfortable level of knowledge of a language is when you understand standup comedy in it. I suppose slam poetry falls in the same category. Only by finding the text in the online edition of the BOM13 magazine did I manage to keep up with the poem with heavy dictionary use. In the video Julia performs at Slammer Filet last year.

Ich kann alleine sein — Julia Engelmann

ich kann alleine sein
ich kann alleine sein
ich kann alleine
seit ich weg bin von der Party und dir, singe ich jetzt schon dieses Lied
und ich singe
ich kann alleine sein

die Nacht macht noch vom Dunkel betrunken
und ohne mit Gewitter zu zucken keinerlei Anstalten dem Morgen zu weichen
ich gehe nach Hause
zwischen laternenen Funken
in meinem Rucksack trag ich Fragezeichen

die schwarze Straße hat sich breit gemacht schläft jetzt schweigend ihren Rausch aus und zwischen Kreuzungen und Seitengassen
tut sich nirgendwo mein Haus auf

und ich merke, wie ich gehe
merke, wie ich mich bewege
aber mein Leben auf der Stelle steht und bloß unter mir die Welt sich dreht

und unter meinen Füßen
ist die Erde ein Laufband
ich laufe nach vorn und komm trotzdem bloß hier an
meine Welt ist ein Zelt bloß aus ewigem Treibsand
alles bleibt gleich, ohne Ein-, ohne Ausgang

alle Schritte, die ich gehe,
sind der Sand in meiner Sanduhr alle Straßen, alle Wege,
alles kommt mir so bekannt vor genau hier
hier war ich doch schon letztes Jahr, ich weiß noch wie verletzt ich war ich dachte, ich war weiter, aber jetzt bin ich schon wieder da

und was hab ich nicht alles gemacht seit dem!?

ich hab neue Berge bezwungen hab neue Lieder gesungen
bin über Schatten gesprungen hab mich zu lachen gezwungen
hab mich zusammen gerissen um mich neu zu entfalten
um langen Atem zu haben hab ich Luft angehalten
hab mich ins Wasser gestoßen
um schneller schwimmen zu lernen hab meine Sachen verloren
um schneller fündig zu werden

aber alles bleibt dasselbe –
ich zum Beispiel
ich sehe jeden Tag gleich aus
lös bei mir selbst kein’ Hype aus
steh dann vorm Spiegel ganz kleinlaut und verharre mit meinen Augen manchmal ein bisschen zu lange auf dem, was hinter mir liegt

und alles bleibt dasselbe – ich zum Beispiel
und alle Phrasen,
die ich jeden Tag wieder sage und alle Fragen,
die ich jeden Tag wieder habe wie die Frage danach,
wann denn endlich alles gut wird

und alles bleibt dasselbe –
ich zum Beispiel
wie eine Spieluhr, die tanzend immer wieder und wieder und wieder um sich selber kreist
immer müder und müder und müder die Welt anschweigt
im Takt ihrer Lieder nur bei sich und dieselbe bleibt

alles bleibt dasselbe –
ich zum Beispiel
das ist wie um eine Litfasssäule zu rennen ohne den Ausgang je zu finden
wie sich selbst an der Hand zu halten,
nur um sich an was binden
wie nicht zu wissen,
was und immer mehr danach zu suchen so bleibt alles dasselbe, außer der Zahl auf meine Geburtstagskuchen

und ich singe
ich kann alleine
seit ich weg bin von der Party und dir war ich noch nie so schlecht darin, allein zu sein

du hingegen
du bist nie alleine – nein!
du bist „unabhängig“
du bist ein Peter-Pan-Cowboy-Wolf, dein eigener Instantfan
du brauchst kein Zuhause,
du kommst überall unter nämlich und Hauptsache dein Leben ist nice! via Instagram

du gibst dir nur die harten Bässe,
du kippst dir nur die harten Sachen
du zerstreust dich wie Konfetti und nennst das ganze Party machen
mit gesichtslosen Leuten,
die sich verzichtlos betäuben
und so bist du nüchtern,
zu schüchtern,
und besoffen, zu offen

du denkst dir
hey – wie war das mit dem Spatz in der Hand und der Taube auf dem Dach? und so nimmst du lieber den Schmatzer auf der Wang’, als die Trauung auf der Yacht

und dann ziehst du los
und paarest dich
aber wer im Rausch
mit dir ne Festung baut
kennt deinen Namen nicht bei Tageslicht du bist und bleibst mein Rätsel!
-das denk ich,
aber sag es nicht
und so lauf ich immer weiter
während die Nacht längst in den Abend bricht

ich geh auf meiner Metaebene, verfluche meine Aussicht
zwar löst dein Bier keine Probleme, aber meine Cola kann das auch nicht ich spring von meiner Metaebene und verkleiner mal die Draufsicht auch wenn es noch so sicher ist – Leben in Gedanken taugt nichts

und ich singe
ich kann nicht alleine
seit ich von der Party weg bin und dir denke ich,
dass wir ja wenigstens zusammen alleine sein könnten

aber wenn ich dir meine Hand gebe nimmst du sie nicht an
weil du sagst, dass der, der nichts hat auch nichts verlieren kann

ja, sehr clever!
wer nichts hat, kann nichts verlieren – aber der hat auch nichts!
und klar:

was uns Halt gibt,
das kann uns fallen lassen wer uns liebt,
kann mich alleine lassen was uns frei macht, schränkt uns doch nur ein wenn wir laut sind, wollen wir leise sein

und ich singe
ich kann alleine sein
und ja: ich kann alleine sein, sogar besser als ich dachte
auch, wenn ich glaube,
dass ich dafür nicht gemacht bin

und unter meinen Füßen bleibt die Erde ein Laufband
ist schon so viel passiert,
steht trotzdem alles auf Anfang
ich drossel das Tempo
und gehe heut langsam
wenn der Weg doch das Ziel ist, vielleicht komm ich dann doch an

was sonst das Ziel sein könnte?

ich wäre irgendwann gern stark und etwas weniger ironisch vielleicht ein bisschen mehr bei mir und nicht ganz so melankomisch ich wäre irgendwann gern alt
und vielleicht ein bisschen weise aber ich weiß noch nicht, wie bald und nicht auf welche Weise
ich weiß, ich wär gern nicht allein und Gesundheit wär vorzüglich und ich wünsche mir vor allem, ich wär ein bisschen glücklich

und bis dahin werd ich manchmal
an dich denken
auch wenn du mich vergisst
und bis dahin werd ich aufhören zu fragen, wann alles gut wird
weil längst schon alles gut ist

ja
weil längst schon alles gut ist